Kinder, Küche und Karriere

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Viele Eltern wollen ausreichend Zeit für ihre Kinder sowie einen erfüllenden Job. Immer mehr Firmen entwickeln daher Modelle zur besseren Vereinbarkeit. Was Mütter und Väter heute erwarten dürfen und wie sie die Work-Life-Balance am besten angehen.

Text: Eva Neuthinger

Es scheint witzig, aber nicht nur: Auf Youtube kursiert ein Video über eine fiktive Stellenausschreibung. Einige Bewerber stellen sich virtuell vor. Es wird ihnen erklärt, welche Anforderungen mit dem Job verbunden sind: den ganzen Tag stehen, bücken, keine Pausen, an jedem Tag im Jahr, kein Schlaf – und mittagessen darf man erst, wenn der Kollege fertig ist. Bezahlung gibt es nicht. Bei dieser Beschreibung lachen alle Bewerber. Das sei unmenschlich, sehr verrückt. Der Moderator aber meint, viele Millionen Menschen seien dazu bereit: die Mütter.

Opfer der Coronakrise

Stefanie Gundel ist Coach in Düsseldorf. Sie unterstützt junge Familien und insbesondere Mütter, trotz der täglichen Vielfachbelastung Beruf und Familie unter einen Hut zu bringen. „Eltern mit kleinen Kindern leisten enorm viel. Aber immer noch tragen die Mütter den größeren Anteil an der Doppelbelastung“, weiß die Gründerin von Gundel Coaching. Nach einer Studie des Jobportals Stepstone fühlten sich 68 Prozent der Mütter während der langen Zeit im Homeoffice extrem gestresst. Die Hälfte der Frauen hatte sogar Angst, den Spagat zwischen Kindern und Berufsalltag nicht zu schaffen.

Viele Firmen haben das Problem erkannt. Die Sparkasse Neunkirchen etwa unterstützt Eltern bei ihrer Work-Life-Balance und will ihnen „so viel Flexibilität wie möglich bieten“, sagt Cornelia Collet, verantwortlich für Aus- und Weiterbildung sowie Recruiting. „Unsere Sparkasse setzt als attraktiver Arbeitgeber in unserer Region bewusst einen Schwerpunkt auf die Vereinbarkeit von Beruf und Familie.“

Bereits 2018 erhielt die Sparkasse das Gütesiegel „Familienfreundliches Unternehmen“, das in diesem Jahr erneuert wurde. So unterbreitet die Sparkasse jungen Eltern, aber auch Mitarbeitenden, die Angehörige pflegen, eine ganze Palette unterschiedlicher Angebote. Wenn jemand im Team ein Kind bekommt, wird er im ersten Schritt zum Beratungsgespräch eingeladen. „Daran dürfen auch die Partner teilnehmen“, so Collet. In dieser Runde wird früh über die voraussichtliche Elternzeit und den Wunsch nach einer Rückkehr gesprochen. „Wir sagen immer, dass wir im Zweifel alles möglich machen wollen. Das klappt in der Regel auch“, betont sie.

Unterstützung auch für Pflegende

Die werdenden Mütter und Väter erhalten einen Ratgeber zur Elternzeit und zum Wiedereinstieg. Analog gibt es eine solche Informationsmappe für pflegende Angehörige. „Wir haben überdies eine Pflegelotsin im Team, die betroffenen Mitarbeitenden hilft und sie bei der Organisation der Pflege beraten kann“, erklärt Collet. Außerdem können Eltern und Pflegende flexible Arbeitszeitmodelle nutzen. Sie haben die Wahl, zwischen 40 Prozent und 95 Prozent der offiziellen Wochenstunden tätig zu sein. Das schließt Führungskräfte ein. „In vielen Bereichen ist auch Mobile Office möglich“, erläutert Collet. Und wer es brauche, könne mehrere Wochen im Jahr unbezahlten Urlaub nehmen.

Wie die Sparkasse zeigen sich viele Firmen gegenüber den Bedürfnissen ihrer Mitarbeitenden mit Kindern aufgeschlossen. Die Bertelsmann-Stiftung beobachtet auch während der Pandemie ein großes Interesse. Sie begutachtet familienfreundliche Unternehmen und zertifiziert die Betriebe. Dabei sind auch die Mitarbeitenden in den Prozess der Zertifizierung involviert. „Diese Unternehmen bringen ihren Beschäftigten eine sehr hohe Wertschätzung entgegen“, sagt Dorothee Kubitza, Project Assistant bei der Bertelsmann-Stiftung. Sie erinnert sich zum Beispiel an einen Chef, der eine Bügelhilfe anbietet. Er hatte nebenbei eine Mitarbeiterin gefragt, was sie im Feierabend mache. Sie meinte, sie habe noch viel zu bügeln.

Offen mit dem Arbeitgeber sprechen

Neben diesen eher außergewöhnlichen Angeboten haben sich flexible Arbeitszeitmodelle und Homeoffice schon etabliert. Größere Betriebe haben auch Kinderbetreuung während der Schulferien im Programm. „Wenn beide Partner arbeiten, muss einer oft Urlaub nehmen. Dann reichen die freien Tage nicht mehr für eine gemeinsame Reise. Solche Offerten sind dann ein echtes Plus für die Familien“, so Gundel.

Die Expertin rät Eltern, dem Arbeitgeber ihre Probleme offen zu nennen und ihn für die eigene Situation zu sensibilisieren, und erklärt: „Man darf heute Anforderungen stellen.“ Sie empfiehlt, sich vor dem Gespräch mit dem Chef eine Lösung zu überlegen. „Es ergibt keinen Sinn, die eigenen Belange in den Raum zu werfen und keinen Vorschlag parat zu haben“, so Gundel.

In ihrer Beratungspraxis beobachte sie, dass junge Mütter oft nicht auffallen wollten. „Sie glauben, während der Elternzeit wären ihnen Kompetenzen verloren gegangen. Daher verstehen sie sich als Bittsteller. Sie meinen, sie müssten froh sein, wenn sie überhaupt einen Job hätten“, so Gundel. Ein Fehler, denn Nachwuchskräfte sind am Arbeitsmarkt in Zeiten des Fachkräftemangels fast in jeder Branche gefragt.

Entsprechend dürfen sie auftreten – und zum Beispiel Homeoffice fordern. „Es fehlen wohl die Argumente, warum nicht mehr funktionieren soll, was sich nach den langen Monaten der Pandemie eingespielt hat“, kommentiert Stephanie Poggemöller, die sich als Coach in München auf die Beratung von Familien konzentriert. Nach einer Studie des IT-Verbands Bitkom wollen knapp 90 Prozent der Beschäftigten künftig entweder hybrid arbeiten – also an einigen Tagen zu Hause und im Büro – oder immer im Homeoffice. Allein das Ergebnis zählt, und die Entfaltung der Mitarbeitenden gewinnt an Bedeutung. Die Präsenzkultur ist vorbei.

Bessere Work-Life-Balance

„Eltern und pflegende Angehörige wollen mehr Freiheiten im Job, um ihre Aufgaben besser entsprechend ihrer Work-Life-Balance strukturieren zu können“, kommentiert Gundel. Das sei nicht leicht. „Die neue Flexibilität ist sicherlich positiv. Andererseits ist häufig dauernde Erreichbarkeit damit verbunden. Das stresst“, ergänzt sie. Sie rät Betroffenen, Prioritäten zu setzen. Dabei geht es nicht nur darum, das Wesentliche vom weniger Wesentlichen zu trennen und bereit zu sein, Aufgaben notfalls zu schieben – im privaten wie im beruflichen Bereich.

„Vielmehr sollten Eltern und Pflegende sich übergeordnet Gedanken machen, wo ihre persönlichen Präferenzen liegen und was sie sich wünschen“, rät Gundel. Um die Zielvorstellungen zu filtern, nutzt sie in ihren Beratungen gern ein sogenanntes Vision-Board – ein Schaubild, das die eigenen Ideen und Träume visualisiert. „Wovon haben Sie immer schon geträumt? Was ist Ihnen sehr wichtig? Wie möchten Sie leben? Das sind zentrale Fragen, die sich jeder stellen sollte“, so die Expertin.

Es gehe um Werte, die eigenen Stärken und Schwächen, die persönlichen Lebenserfolge und um das, was man gern mache. „Das Vision-Board kann in einem Raum hängen, damit die eigenen Wertvorstellungen und die Dinge, die einem wichtig sind, immer präsent sind“, erklärt Gundel. Eine Mandantin stellte für sich via Vision-Board fest, dass sie sich kleine Inseln im Alltag schaffen möchte, um einige Minuten am Tag ganz für sich zu haben. Sie hängte sich das Bild einer Kaffeetasse über ihr Bett. Eine andere Mutter entschied sich, an einem Nachmittag in der Woche einen Babysitter zu engagieren. Sie wollte in dieser Zeit ihren Interessen nachgehen können. Die Kosten nahm sie in Kauf, weil ihr die freie Zeit wichtig war – und damit es ihr nicht so geht wie jenen Müttern im Youtube-Video.

 

Tipps für die Vereinbarkeit

Eltern sollten einige Regeln beachten, um Kinder, Job und Haushalt reibungslos zu organisieren.

  • Zielvorstellungen definieren: Gemeinsam sollten sich Eltern frühzeitig überlegen, welche Prioritäten sie haben, wie sie Aufgaben teilen und welche Freiräume sie brauchen. Dafür können auch visuelle Tools genutzt werden.
  • Mit der Firma reden: Probleme am besten offen mit dem Arbeitgeber besprechen, ruhig Forderungen formulieren, aber idealerweise auch Lösungsvorschläge machen.
  • Zeit managen: Die To-do-Liste darf neben den Pflichten auch Freizeitaktivitäten enthalten. Freiräume sind erlaubt.
  • Nein sagen: Wenn ein Kollege etwas erbittet, darf man ablehnen. Mit einer kurzen Erklärung lässt sich vermeiden, dass der andere die Absage in den falschen Hals bekommt.
  • Schluss machen: Feste Arbeitszeiten unterstützen die eigene Zeitplanung. Eltern müssen oft um 16 Uhr den Stift fallen lassen, weil die Kita schließt. Das ist gut so, weil es einen strukturierten Tagesablauf schafft. Am besten planen Eltern einen Puffer für Unvorhergesehenes in den Tag ein.
  • Notfall vorbereiten: Freunde oder Familienangehörige springen oft im Notfall ein. Eltern sollten stets eine Liste ihrer Ansprechpartner parat haben.
  • Perfektionismus meiden: Man muss nicht vom Boden essen können. In einem Kinderhaushalt darf auch mal das Chaos regieren.
  • Kein schlechtes Gewissen haben: Die Kinder werden nicht vernachlässigt, wenn sich Eltern eine Auszeit nehmen. Die Doppelaufgabe zu bewerkstelligen, erfordert Kraft. Sind Eltern ausgeruht, profitiert auch das Kind.

 

Was den Eltern zusteht

Elternrecht: Chefs müssen einiges akzeptieren. Gesetzlich haben Mütter und Väter einen Anspruch auf:

  • jeweils zehn freie Tage, wenn sie ein krankes Kind betreuen müssen. Das wird von den Krankenkassen bezahlt. Alleinerziehende bekommen 20 Tage;
  • drei Jahre Elternzeit;
  • in der Regel zwölf Monate Geld in der Elternzeit, normalerweise 65 Prozent des Gehalts;
  • Teilzeit bei Firmen mit mehr als 15 Mitarbeitern. Das gilt auch für jeden anderen Arbeitnehmer. Grundlage ist das Teilzeit- und Befristungsgesetz.

 

„Nach der Elternzeit kommen die Probleme“

Stephanie Poggemoeller. Foto: Privat

Stephanie Poggemöller, Gründerin der Beratungsfirma Work & Family, coacht junge Familien.

S-Quin: Viele Mütter und Väter fühlen sich im Homeoffice oft mehr im Stress als in der Firma. Was können sie tun?
Poggemöller: Es bedarf einer guten Selbstorganisation. Nach der Arbeit sollte der Schreibtisch aufgeräumt sein und der Laptop im Schrank verschwinden. Falls Eltern noch arbeiten müssen, nachdem sie die Kinder ins Bett gebracht haben, sollten sie sich wenigstens zwei Abende pro Woche freihalten.

S-Quin: Häufig stecken die Frauen zurück. Was können Paare hier verbessern?
Poggemöller: Sie können sich überlegen, wie die Aufgaben in der Familie verteilt sind. Den Anteil der entgeltlichen und unentgeltlichen Arbeit sollten sie gleich gewichten. Jeder Partner sollte etwa zu gleichen Teilen belastet sein. Meist beginnen die Probleme nach der Elternzeit, wenn sich beide in den Job eingliedern müssen. Deshalb sollte man vorher die Anforderungen abstecken.

S-Quin: Was raten Sie Eltern für den Wiedereinstieg?
Poggemöller: Es ist gut, wenn der Kontakt zum Arbeitgeber nicht abbricht und die Eltern während der Elternzeit über die Entwicklungen in der Abteilung informiert sind. Die Kommunikation in der Auszeit sollten Mütter schon mit dem Chef besprechen, bevor ihr Mutterschutz beginnt.

Illustrationen: Shutterstock