Der Inka-Trail nach Machu Picchu ist schon lange nicht mehr Mythos und Abenteuer, sondern ein Backpacker-Highway mit überfüllten Zeltplätzen. Eleganter nähert man sich der berühmtesten Ruine Perus auf dem Salkantay-Trek. Und wer sich schon einmal in den peruanischen Anden befindet, sollte der kulinarischen Hochburg Cusco unbedingt einen Besuch abstatten. In der S-Reisewelt finden Sie tolle Angebote für Erlebnisreisen durch Peru.
Autor: Günter Kast
Anpfiff auf 3600 Meter Höhe in Challacancha, vier Autostunden von Cusco entfernt: Zu den Lamaweiden und den an Steilhängen klebenden Quinoa-Feldern von Soraypampa sind es nur läppische zwei Stunden Gehzeit. Für den ersten Tag reicht das jedoch auch, denn die dünne Luft lässt die in die Hochanden katapultierten Trekker hecheln. Ihrem Guide Toni sagen sie überschwänglich „Muchas gracias!“ dafür, dass Pferde ihr schweres Gepäck transportieren. Mit dem Tagesrucksack wandert es sich gleich unbeschwerter. Lorenzo vom Volk der Quechua versüßt den Marsch zusätzlich, indem er in traditioneller Tracht und Panflöte spielend voranschreitet. Ein bisschen erinnert das an die Fußgängerzonen-Folklore einer deutschen Großstadt. Nur die sich ins Bild schieben den weißen Zacken der Berge passen nicht so recht dazu. Mit 6271 Metern ist der Salkantay der höchste Berg auf dem Trek – fast eineinhalbmal so hoch wie das Matterhorn und kaum weniger formschön. Nach ihm wurde der Pfad benannt, der in vier bis fünf Tagen zu den Inka-Ruinen von Machu Picchu führt.
Mit seinen 68 Kilometer Länge übertrumpft der Salkantay-Trek den berühmten Inka-Trail, überwindet aber weniger Höhenmeter. Es gibt noch einen anderen, feinen Unterschied: Auf dem klassischen Inka Weg muss man campen. Tonis Gruppe bleibt hingegen die Erfahrung erspart, morgens mit der Nase an einer mit Reif überzogenen Zeltwand aufzuwachen. Sie checkt für die ersten zwei Nächte in der Salkantay-Lodge ein, wo es bei der Ankunft feuchte Tücher und Ingwer-Minze-Cocktails gibt und im Kachelofen bereits ein warmes Feuer lodert.

Anny, die Mittfünfzigerin aus North Carolina, hat die Reise ihrer Tochter Sarah zum Highschool-Abschluss und ein bisschen auch sich selbst geschenkt. „Ich bin zu alt, um am Ende eines langen, staubigen Tages ohne heiße Dusche ins Bett zu gehen“, gesteht sie lächelnd, ehe sie sich ihrem köstlichen dreigängigen Menü widmet: Süßkartoffelsuppe, Lomo Saltado mit Polenta, Quinoa-Tarte. Für die beschwingte Atmosphäre am Tisch sorgen nicht etwa Kokablätter, sondern mehrere Gläser argentinischen Malbecs.
Naturwunder und der Stern des Südens
Der nächste Tag dient der Akklimatisation. Toni ist nicht nur Guide, sondern auch ein bisschen Babysitter. „Sonnen- und Mückenschutz auftragen, Käppi aufsetzen, genug Getränke mitnehmen“, rät er seinen Schützlingen. Sie empfinden das keineswegs als Bevormundung, sondern sind als unerfahrene Wanderer dankbar für die Tipps. Besonders für drei Brüder aus Michigan bietet der moderate Trek das ultimative Abenteuer. „Wir haben so etwas noch nie gemacht“, bestätigt Miguel, der Älteste des Trios. Er hat seinen Sohn Javier mitgebracht, mit 16 schon stark übergewichtig. So ein Outdoor-Erlebnis, hofft Miguel, werde vielleicht das Wandervirus in seinem Junior aktivieren. Die Natur tut zumindest alles, damit das gelingt: Mit der Laguna Humantay, 4200 Meter hoch gelegen, zeigt sich ein türkisfarben schimmerndes Juwel vor einer eisgepanzerten Wand. Weil Toni früh zum Aufbruch drängte, kann seine Gruppe das Naturwunder in aller Ruhe genießen, ehe die Tagestouristen aus Cusco anrücken.

Lorenzo führt hoch über dem Seeufer eine traditionelle Opferzeremonie der Quechua durch. Jeder Trekker bekommt einen Chullo, die bunte Anden-Dackelmütze, über die Ohren gezogen – und Lorenzos Segen dazu. Dann geht es auf einem nur für die Lodge-Gäste zugänglichen Weg zurück zur komfortablen Herberge, wo im Jacuzzi schon das warme Wasser blubbert. Als es dunkel wird, ziehen zarte Nebelschwaden auf. Sie lassen den über dem Tal des Río Blanco thronenden Salkantay noch imposanter erscheinen. Im Vordergrund grasen junge Alpakas, über ihnen leuchtet der Stern des Südens. Das Leben, es kann so einfach, so schön sein!
Den Gletschern so nahe wie noch nie
Anderentags wird es ernst: Aufstieg zum gut 4600 Meter hohen Salkantay-Pass. Team Amerika gibt alles, auch Sohn Javier. Toni passt auf, dass das Pferd mit Wasser vorräten und Notfallsauerstoff immer in der Nähe bleibt. Er hat schon einiges erlebt hier. Oben angekommen fallen sich alle überglücklich in die Arme, High Five für Javier. So nahe waren sie der Welt aus Gletschern noch nie. Und als Belohnung donnert sogar eine Eislawine zu Tale. Nach einem kurzen Boxenstopp geht es weiter, denn die Lage der zweiten Herberge am Weg, der Wayra-Lodge, ist noch spektakulärer. Man würde hier gern mehr Zeit verbringen, ehe die Sonne hinter den Gipfeln verschwindet und die Temperatur in den Keller rutscht. Doch die Zeit drängt, und wir müssen uns bald wieder auf den Weg machen.

Nebelwälder und eine echte Offenbarung
Der Abstieg zur dritten Unterkunft, zur Colpa-Lodge, ist steinig und staubig. Dafür wird die Vegetation üppiger, grüner. Ein mystischer Nebelwald, in dem hummelkleine Kolibris surren und seltene Orchideen blühen, umschließt die Wanderer. Sogar scheue Brillenbären sollen hier noch leben. Bei der Ankunft an der Lodge haben einige Mitarbeiter bereits eine Pachamanca vorbereitet: Die Erde dampft, Steine sind über dem Feuer aufgeschichtet. Fleisch, Kartoffeln, Yuccaknollen und Maiskolben werden in die Glut geworfen, eingewickelt in Bananenblätter. Team Amerika freut sich und applaudiert: „Awesome!“
Ein stetes Auf und Ab, Wasserfälle, Bambushaine und wackelige Brücken prägen den folgenden Tag. Rucksacktouristen spielen auf einer Wiese Fußball. Sie sind jung und unbeschwert, obwohl sie ihr Gepäck selbst tragen. Das Tal des Río Santa Teresa ist jetzt stärker besiedelt, am Wegesrand gedeihen Bananen, Papayas und Passionsfrüchte. Es wird mal wieder Zeit für eine Vorführung: Eine Bauersfrau mit wettergegerbter Haut, ungefähr so breit wie hoch, röstet auf dem offenen Feuer grüne Arabicabohnen. Ihr starker, frisch duftender Kaffee gleicht einer Offenbarung.
Machu Picchu und der letzte Jacuzzi
Einchecken in der Lucma-Lodge: der letzte Jacuzzi, die letzte Wärmflasche ins Bett, wieder freies WLAN. Anderentags der Aufstieg zum 2700 Meter hohen Llactapata-Pass, dann der erste Blick auf den 2430 Meter hohen Bergkamm gegenüber: auf Machu Picchu, die bekannteste Ruine der Welt, mitten im Urwald. Morgen wird auch Team Amerika die Steinmetzkunst der Inkas hautnah bewundern können und darüber staunen, wie sie die tonnenschweren Granitklötze durch den Urwald hier heraufwuchteten.
„Wilder Berg“ heißt Salkantay auf Quechua. Wirklich wild ist die Wanderung auf dem Salkantay-Trek zwar schon lange nicht mehr, aber ein bisschen wilder, als mit Zug und Bus direkt nach Machu Picchu zu fahren, wohl allemal.
Cusco – ein Paradies für Foodies
Nicht weit entfernt von Machu Picchu liegt Cusco, die per fekte Stadt für Feinschmecker und Genießer. Wer sich also einmal auf dem Salkantay-Trek in den peruanischen Anden befindet, sollte die Möglichkeit nutzen und der ehemaligen Inka-Residenz Cusco einen Besuch abstatten. Jeder, der den klassischen Weg zur weltberühmten Bergfestung Machu Picchu wählt, also auf dem Inka-Trail wandert oder mit Bus und Bahn anreist, kommt ohnehin an Cusco vorbei, da die Stadt das touristische Einfallstor für Machu Picchu bildet. Cusco liegt gut 3400 Meter über dem Meer, weit entfernt also von den für die berühmte Nikkei-Küche so wichtigen frischen Zutaten aus dem Ozean. Doch gemach! Erstens strömen inzwischen auch viele zahlungskräftige Touristen in die altehrwürdige Stadt und nicht nur Backpacker. Und zweitens gibt es für frisches Meeresgetier besten Ersatz aus dem Hochland der Anden. Statt zu weißem Seefisch greifen Cuscos Köche eben zu Filet von Regenbogenforellen, wenn das Nationalgericht Ceviche auf dem Programm steht. Wer bei der Zubereitung am Beistelltisch zuschauen möchte, sollte ins Nuna Raymi, das Fest der Seele, gehen. Dessen Eigentümerin Rosio Zuñiga schwört auf rosa statt roter Zwiebeln für das schmackhafte Anden Sushi, denn: „Die sind deutlich milder.“

Noch einen Tick raffinierter ist die Küche im MAP Café im Innenhof des Museo de Arte Precolombino, dem Flaggschiff der Lokale im Verbund Cusco Restaurants. Zur Vorspeise wird wunderbar frisches Tiradito vom Paiche serviert – so heißt der Amazonasfisch Arapaima in Peru. Es folgen medium gebratenes Filet vom Alpaka mit Spargelspitzen und Gratin dauphinois mit einer süßlichen Pfeffersoße. Zum Dessert gibt es hausgemachtes Vanilleeis mit warmen Trüffeln aus Bio-Hochlandschokolade auf mit Pisco getränkten Aguaymantos – andinen Physalis. Einfach himmlisch!
An Gastón Acurio kommt man auch in Cusco nicht vorbei. Das Imperium von Perus Wunderchefkoch mit Franchise und Restaurants rund um den Globus ist mittlerweile größer als das Inka-Reich zu seinen besten Zeiten. Der Ableger in Cusco im loftigen Obergeschoss eines imposanten Kolonialhauses mit blauen Balkonen heißt Chicha por Gastón Acurio. Fast sämtliche Gerichte des sechsgängigen Tastingmenüs konnten hier überzeugen: das Carpaccio vom Alpaka mit Burrata und Pesto aus Andenkräutern ebenso wie die toskanisch anmutenden Fettuccine mit Lammragout oder das Erdbeerkompott auf einer Mousse aus Tumbo – Bananenpassionsfrucht. Außerdem schön: Man trifft hier an einem Freitagabend nicht nur Touristen, sondern auch gut gelaunte Einheimische – trotz der gesalzenen Preise.
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Fotos: iStockphoto
